Trauma & die Abspaltung von unserem authentischen Selbst
Entwicklungstrauma ist nicht nur ein einmaliges Ereignis, sondern ein Prozess, der tief in unsere Identität eingreift und unsere Fähigkeit beeinflusst, authentisch zu leben und zu lieben. Besonders die frühen Bindungserfahrungen und Beziehungstraumata prägen unser Leben auf fundamentale Weise. In einem Umfeld, in dem wir uns nicht sicher und gesehen fühlen, entwickeln wir unbewusste Überlebensstrategien, um in Beziehungen zu überleben – und dabei verlieren wir oft den Kontakt zu unserem wahren, authentischen Selbst. Diese Dynamik wird besonders klar, wenn wir die Arbeiten von Gabor Maté und Carl Rogers betrachten, zwei einflussreiche Denker, die sich intensiv mit den Auswirkungen von Trauma und dem Verlust der Authentizität beschäftigt haben.
Bindungs- und Beziehungstrauma: Trauma im Kontext von Beziehungen
Trauma geschieht nicht isoliert. Es ist oft ein Produkt von Beziehungen – insbesondere von frühen Beziehungen zu den wichtigsten Bezugspersonen in unserem Leben: den Eltern oder primären Bezugspersonen. Das, was Gabor Maté als "entwicklungsbedingtes Trauma" bezeichnet, entsteht, wenn die Bedürfnisse eines Kindes nach Bindung, Sicherheit und Liebe nicht ausreichend erfüllt werden. Diese frühen Verletzungen hinterlassen tiefe Narben im Selbstverständnis und in der Fähigkeit, gesunde Beziehungen zu führen.
Bindungstrauma bezieht sich auf die Verletzungen, die entstehen, wenn wir in den ersten Jahren unseres Lebens nicht die sichere, zuverlässige Bindung erfahren, die wir benötigen, um zu wachsen und uns zu entfalten. Es sind die Momente, in denen wir uns von unseren Eltern oder anderen Bezugspersonen nicht gesehen, gehört oder verstanden fühlen. Diese Wunden manifestieren sich nicht nur als Schmerz, sondern auch als tief verwurzelte Ängste und Überzeugungen, die uns im späteren Leben beeinflussen – oft unbewusst.
Ein weiteres zentrales Element ist das Beziehungstrauma, das auftritt, wenn in zwischenmenschlichen Beziehungen – sei es in der Familie, in Freundschaften oder in Partnerschaften – Missbrauch, Vernachlässigung oder emotionale Kälte erfahren wird. Diese Erlebnisse lehren uns, dass es gefährlich sein kann, unser wahres Selbst zu zeigen, dass unsere Bedürfnisse nicht sicher sind und dass wir uns in Beziehungen verbiegen müssen, um zu überleben.
Überlebensstrategien: Die Abspaltung vom authentischen Selbst
In solchen belastenden und traumatischen Beziehungserfahrungen entwickeln wir unbewusste Überlebensstrategien. Diese Strategien sind darauf ausgerichtet, den Schmerz zu minimieren und in einer unsicheren Welt zu bestehen. Doch oft geschieht dies auf Kosten unserer Lebendigkeit und Authentizität.
Gabor Maté spricht von der "Spaltung" des Selbst, die entsteht, wenn wir uns von unseren natürlichen Bedürfnissen und Gefühlen trennen, um den Erwartungen anderer gerecht zu werden oder um emotionalen Schmerz zu vermeiden. Maté erklärt, dass diese Trennung notwendig erscheint, um in einem Umfeld zu überleben, das uns nicht die Liebe und Sicherheit bietet, die wir benötigen. Doch die Konsequenz ist der Verlust der eigenen Lebendigkeit und der wahren Identität. Wenn wir uns von unserem authentischen Selbst abspalten, verlieren wir nicht nur die Verbindung zu unseren Gefühlen und Bedürfnissen, sondern auch zu unserem inneren Antrieb und unserer Lebensfreude.
Carl Rogers, ein weiterer Pionier in der Psychologie, betont in seiner Personenzentrierten Therapie, dass authentisches Wachstum nur dann möglich ist, wenn wir in einem Umfeld leben, das uns bedingungslos akzeptiert. Rogers sprach davon, wie Menschen in einer Welt voller Bewertungen und Bedingungen beginnen, Teile von sich selbst zu verleugnen, um akzeptiert zu werden. Diese „Falschheit“ entsteht, wenn wir nicht die bedingungslose Liebe und Anerkennung erfahren, die uns erlaubt, unser wahres Selbst zu leben.
Die Folgen der Abspaltung: Verlust der Lebendigkeit und innerer Konflikt
Die Abspaltung vom authentischen Selbst hat tiefgreifende Auswirkungen auf unser Leben. Ein zentrales Element dieser Veränderung ist der Verlust der Lebendigkeit. Wenn wir uns von unserem wahren Wesen entfernen, verlieren wir nicht nur den Zugang zu unseren authentischen Gefühlen und Bedürfnissen, sondern auch zu der Freude, die das Leben in seiner vollen Tiefe bietet.
In dem Moment, in dem wir unsere wahren Gefühle, Wünsche oder Bedürfnisse unterdrücken, können wir das Leben nicht mehr vollständig erfahren. Unsere Fähigkeit zur Selbstverwirklichung wird blockiert, und wir verlieren den Kontakt zu dem, was uns wirklich glücklich macht. Dies führt zu inneren Konflikten, denn auf der einen Seite gibt es den Teil in uns, der nach Authentizität und Erfüllung strebt, auf der anderen Seite sind die Überlebensstrategien, die uns in der Vergangenheit geholfen haben, sicher zu bleiben.
Ein weiteres Ergebnis dieser Abspaltung ist das Gefühl der inneren Leere. Wir können uns entfremdet von uns selbst fühlen, als ob wir eine Rolle spielen, statt wirklich zu leben. Wir entwickeln ein Bedürfnis nach Bestätigung von außen, anstatt uns selbst authentisch zu erfahren. Diese Leere und die ständige Anstrengung, den Erwartungen anderer gerecht zu werden, können zu chronischer Unzufriedenheit und innerem Schmerz führen.
Heilung des Authentischen Selbst: Die Rückkehr zu unserer Lebendigkeit
Die Rückkehr zum authentischen Selbst ist ein Prozess, der Geduld, Selbstliebe und oft auch therapeutische Unterstützung erfordert.
Essentielle Schritte auf diesem Weg sind folgende:
- Selbstbejahung: Der erste Schritt zur Heilung, ist, sich selbst bedingungslos zu akzeptieren, auch mit unseren Unvollkommenheiten und Schwächen. Nur in einem Raum der Akzeptanz können wir wieder Vertrauen in uns selbst gewinnen und lernen, unsere wahren Bedürfnisse und Gefühle anzuerkennen.
-Selbstwahrnehmung: Den Zugang zu unseren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen wieder zu finden, ist ein grundlegender Teil der Wiederentdeckung unseres Selbst. Die Rückkehr zum authentischen Selbst bedeutet, den Kontakt zu dem zu erneuern, was wir wirklich brauchen und was uns wirklich erfüllt. Dies erfordert oft, sich der unterdrückten Gefühle und traumatischen Erlebnisse zu stellen.
- Heilende Beziehungen: Die Bedeutung heilender Beziehungen ist enorm. In einem sicheren, unterstützenden Umfeld können wir lernen, uns wieder zu zeigen und unsere Authentizität ohne Angst vor Ablehnung oder Verurteilung zu leben. Eine solche Beziehung – sei es zu einem Therapeuten, einem engen Freund oder einem Partner – kann ein wesentlicher Bestandteil der Heilung sein.
- Selbstfürsorge: Der Prozess, sich mit dem eigenen authentischen Selbst wieder zu verbinden, ist ein aktiver und fortlaufender Prozess. Sich selbst regelmäßig zuzuwenden und in Dialog mit sich selbst zu treten, kann dabei helfen, die eigene innere Stimme wiederzuhören und die Verbindung zu unserem wahren Selbst zu stärken.
Rückverbindung ist möglich – Der Weg zurück zur Lebendigkeit
Die Abspaltung vom authentischen Selbst ist eine schmerzhafte und oft unbewusste Reaktion auf frühere Traumata und belastende Beziehungen. Die Integration der verlorengegangene Authentizität und Rückverbindung zum Selbst ist möglich. Der Weg führt über die Akzeptanz unserer wahren Bedürfnisse, die Rückkehr zu den verlorenen Teilen unseres Selbst und die Schaffung von sicheren, heilenden Beziehungen. Wenn wir beginnen, uns selbst wieder zu erleben – authentisch, lebendig und in Verbindung mit unserem inneren Wesenskern – können wir den Schmerz der Abspaltung hinter uns lassen und das Leben in seiner vollen Tiefe wieder erfahren.