Über Kognitive Dissonanz, Scham und Schuld und dem Weg zurück

Warum es wichtig ist, sich nach psychischem Missbrauch wieder zu sortieren und aus der Kognitiven Dissonanz zu befreien?

Psychischer Missbrauch hinterlässt tiefe Spuren, die oft lange nach der Trennung von einer missbräuchlichen Beziehung weiterwirken. Die Auswirkungen sind subtil, aber nicht weniger schädlich – und können sich in Form von Verwirrung, Selbstzweifeln und einem verzerrten Selbstbild manifestieren. In vielen Fällen haben Betroffene mit dem Phänomen der Kognitiven Dissonanz zu kämpfen, was die Heilung weiter erschwert. Doch es ist essenziell, sich nicht selbst zu beschämen und die Verantwortung nicht bei sich zu suchen. In diesem Blogbeitrag wollen wir genauer darauf eingehen, warum es so wichtig ist, sich nach psychischem Missbrauch wieder zu sortieren, wie man sich aus der Kognitiven Dissonanz befreit und wieso es entscheidend ist, sich selbst nicht die Schuld zu geben.

Was ist Kognitive Dissonanz und warum tritt sie auf?

Kognitive Dissonanz ist ein psychologischer Zustand, der entsteht, wenn eine Person widersprüchliche Gedanken, Überzeugungen oder Wahrnehmungen gleichzeitig hat. In einer missbräuchlichen Beziehung kann dies bedeuten, dass das Opfer einerseits die Misshandlungen erkennt, andererseits jedoch immer wieder in einer Art Verleugnung verharrt, weil der Missbrauch mit anderen, liebevollen oder positiven Momenten vermischt wird. Der Missbrauchspartner kann manipulativ und charmant sein, was zu einer tiefen Verwirrung führt:

„Er oder sie liebt mich doch, oder?“
”Er oder sie hat doch gesagt, dass ich seine Große Liebe und Seelenverwandte bin.”
„Vielleicht habe ich es ja auch übertrieben und reagiere über.“
“Es ist nur eine Phase.”
“Ich muss an mir arbeiten, weil ich zu anhänglich, ängstlich, sensibel (oä) bin.”

Solche inneren Konflikte und Widersprüche sind charakteristisch für Kognitive Dissonanz.

Die Konsequenz ist, dass Betroffene in einem Zustand der Zerrissenheit und des ständigen Zweifels gefangen sind. Sie wissen, dass etwas nicht stimmt, aber sie sind sich nicht sicher, was genau. Diese Dissonanz kann dazu führen, dass sie sich selbst die Schuld für den Missbrauch geben und die Verantwortung für das Verhalten des Täters minimieren. Doch dieser innere Konflikt ist ein wichtiger Schritt im Heilungsprozess, den es zu überwinden gilt.

Warum es so wichtig ist, sich selbst nicht zu beschämen

Viele Menschen, die psychischem Missbrauch ausgesetzt waren, neigen dazu, sich selbst zu beschämen. Sie fragen sich, warum sie nicht früher aus der Beziehung, Freundschaft oder dem Arbeitsverhältnis gegangen sind, warum sie zugelassen haben, dass sie so behandelt wurden. Die Scham wird oft zusätzlich durch die Schuldgefühle verstärkt, die von den Missbrauchspartner:innen selbst oder durch gesellschaftliche Stigmatisierung hervorgerufen werden. Es wird ihnen vermittelt, dass sie selbst etwas falsch gemacht haben oder dass sie einfach nicht genug "stark" waren, um die Situation zu beenden.

Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass Missbrauch niemals die Schuld des Opfers ist. Psychische Gewalt ist eine Form der Manipulation und Kontrolle, bei der die Täter:innen gezielt das Selbstwertgefühl, Authentizität und die Wahrnehmung des Opfers untergraben. Die Täter nutzen oft subtile Taktiken, um das Opfer zu isolieren und ihre Realität zu verzerren. In solchen Situationen ist es nahezu unmöglich, eine klare Sicht auf die Wahrheit und das real Geschehene zu behalten.

Was es jetzt braucht, ist Selbstliebe, Mitgefühl und den Fehler nicht bei sich zu suchen. Du bist nicht für das Verhalten einer anderen Person verantwortlich. Du bist nicht schwach oder dumm, sondern ein Mensch, der in einer extrem schwierigen Situation gefangen war.
Das anerkennen zu können, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg der Heilung.

Die Bedeutung der Selbstbejahung und der Wiederaufbau des Selbstwertgefühls

Nach einem Erleben von psychischem Missbrauch ist es von zentraler Bedeutung, sich Zeit zu nehmen, um das eigene Selbstwertgefühl und das Vertrauen in sich selbst wieder aufzubauen. Oft wurde es während der Beziehung gezielt untergraben – sei es durch ständige Kritik, gaslighting, Isolation oder emotionales Manipulieren. Das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung muss nun nach und nach zurückerlangt werden.

Ein erster Schritt ist, sich in einer sicheren, liebevollen und wertschätzenden Umgebung zu bewegen, in der man sich selbst wiederfindet und zu seiner eigenen Identität zurückkehren kann.
Das bedeutet, die eigenen Werte, Wünsche und Bedürfnisse wieder zu erkennen und zu respektieren. Sich mit unterstützenden, empathischen und ehrlichen Menschen zu umgeben, die einem helfen, Klarheit zu gewinnen und die den eigenen Wert ohne Bedingungen erkennen, kann hierbei unglaublich hilfreich sein.

Außerdem sollte man sich bewusst machen, dass Heilung Zeit braucht. Der Prozess der Selbstfindung ist nicht linear und wird mit Rückschlägen und schwierigen Momenten verbunden sein. Es ist jedoch wichtig, sich diesen Herausforderungen zu stellen, anstatt sie zu vermeiden. Akzeptiere, dass das, was passiert ist, nicht deine Schuld war, und nimm dir die Zeit, dich selbst zu pflegen und zu dir zurück zu finden.

Die Bedeutung des Verstehens der Dynamik des Missbrauchs

Ein weiterer entscheidender Aspekt im Heilungsprozess ist das Verständnis der Missbrauchsdynamik. Psychischer Missbrauch funktioniert nicht auf der Basis von Zufällen oder Fehlern des Opfers, sondern ist das Ergebnis gezielter Taktiken, die darauf abzielen, das Opfer zu manipulieren, zu entwerten und zu kontrollieren. Je mehr du über diese Dynamik weißt, desto besser kannst du dich von der Täuschung und Manipulation befreien.

Das Erkennen und Verstehen von Konzepten wie Gaslighting (das Manipulieren und verwirren der Wahrnehmung des Gegenübers) oder der „Idealize-Devalue-Discard“-Zyklus (die Missbrauchspartner:innen idealisiert zunächst das Opfer, entwertet es später und werfen es dann weg) hilft, die Realität des Missbrauchs zu erkennen und anzunehmen. Dies ist ein wichtiger Schritt, um sich selbst aus der Kognitiven Dissonanz zu befreien und den Missbrauch klar und deutlich zu benennen.

Fazit

Es ist von entscheidender Bedeutung, nach psychischem Missbrauch aktiv zu werden, um sich selbst wieder zu sortieren und aus der Kognitiven Dissonanz zu befreien. Nur so kann man sich von den manipulativen Fesseln der Vergangenheit lösen und das eigene Leben, das eigene Wesen und die eigene Lebendigkeit wieder zurückgewinnen. Scham und Selbstbeschuldigung werden uns auf diesem Weg begegnen und dürfen an den Absender zurückgesendet werden.
Der Weg zur Heilung beginnt mit dem Erkennen, dass du nicht für das Verhalten einer anderen Person verantwortlich bist

Du hast es verdienst, mit Respekt, Ehrlichem Kontakt, Liebe und Mitgefühl behandelt zu werden. Nimm dir die Zeit, dich selbst und das Geschehene zu verstehen, zu dir selbst zurückzufinden und wieder zu lernen deiner Wahrnehmung zu vertrauen.

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Trauma & die Abspaltung von unserem authentischen Selbst